Lisboa – aus Trümmern neu gebaut

Von Veröffentlicht am: 18. Juli 2023
Lisboa
Inhalt

Bei Lisboa bauen wir die vollkommen zerstörte Stadt Lissabon wieder auf. Es ist unser erstes Spiel von Vital Lacerda, welcher für seine komplexen Eurogames bekannt ist. Und ja, Lisboa ist komplex, aber uns überfordert es nicht. Im Gegenteil haben wir das Spiel bereits in der zweiten Partie flüssig gespielt. Wir sind fasziniert von den vielen Möglichkeiten des Spiels und wie alles miteinander verzahnt ist.

Lisboa – die Geschichte der Zerstörung

Für dieses Spiel ist es wichtig zu wissen, was der historische Hintergrund für die Handlung ist. Besonders für Menschen wie uns, die im Geschichtsunterricht immer Kreide holen waren. Wir wussten beide nicht, dass Lissabon im Jahr 1755 von einem Erdbeben, den damit verbundenen Bränden und einem nachfolgendem Tsunami fast vollständig zerstört wurde.

An dieser Stelle setzt dann die Handlung des Spiels ein. Der König Joseph I. wollte die blühende Handelsmetropole so schnell wie möglichst wieder aufbauen. Unterstützt wurde er dabei von seinem Premierminister Marquis de Pombal und dem Baumeister Manuel de Maia. Die Planung sah vor, die Ruinen der Stadt für den Neuaufbau zu nutzen und neue breite Straße zu bauen. Dabei sollten die Straßen jeweils für verwandte Arten von Geschäften zur Verfügung stehen. Umgesetzt wurde das dann nach den Bauplänen der Architekten Eugénio de Santos und Carlos Mardel. So entstand im Laufe der Jahre die Baixa von Lissabon. Die Spieler selbst schlüpfen in die Rolle von Adeligen, welche die Katastrophe überlebt haben, um beim Aufbau der Stadt zu helfen.

Warum ist das wichtig? Weil genau die Personen und Planungen Kern des Spiels sind. Beim König, Premierminister und Chefingenieur findet man die wichtigen Aktionen, die man nutzen kann, um die Stadt wieder aufzubauen. Bei den Architekten findet man die Baupläne, um öffentliche Gebäude zu bauen. Und die Trümmer aus der Stadt einzusammeln ist wichtig, um seine eigenen Möglichkeiten zu erweitern und das Bauen von Geschäftshäusern günstiger zu machen.

Lisboa – Spielaufbau

Jeder Spieler hat ein Playerboard, auf dem Waren, Pläne, Trümmer gesammelt und wo gespielte Karten für sein Portfolio angelegt werden. Zu Spielbeginn stehen darauf die Gebäude, welche im Laufe des Spiels in die Straßen gebaut werden können und Arbeiter, welche für den Bau von öffentlichen Gebäuden benötigt werden. Zusätzlich bekommt jeder Spieler ein paar Waren, ein Einflussplättchen und ein Klerusplättchen, welches schon die ersten dauerhaften Vorteile bringt. Nach dem Ziehen eines Bauplans und der fünf Karten für die Starthand, ist das Aufbau für die Spieler bereits erledigt.

Playerboard von Lisboa

Playerboard von Lisboa

Neben dem eigenen Tableau wird noch der riesige Spielplan und verschiedene Kartenstapel zurecht gelegt. Dazu kommen Baupläne für öffentliche Gebäude, verschiedene Plättchen in unterschiedliche Bereiche wie dem Klerus-Bereich oder Erlass-Plättchen. Die Anleitung ist dabei eine große Hilfe, besonders beim ersten Aufbau. Erstaunlicherweise haben wir den zweiten Aufbau schon fast ohne Anleitung geschafft, weil das Material wirklich logisch ausgelegt wird.

Dann wird übrigens noch die Katastrophe simuliert, wirklich. Aus einem Beutel werden die Trümmerwürfel gezogen, blaue Würfel für Schäden des Tsunamis, braun für Erdbeben-Trümmer und rot für verbrannte Trümmer durch das Feuer. Diese werden im Bereich des neuen Stadtviertels und auf die Plätze für die öffentlichen Gebäude gelegt. Diese Würfel verursachen später im Spiel Kosten, wenn in den Straßen ein Geschäft gebaut werden soll. Auf den öffentlichen Plätzen hingegen bekommt man alle ausliegenden Würfel für die Sets auf dem eigenen Playerboard.

Trümmerwürfel an den Straßen

Trümmerwürfel an den Straßen

Lisboa – Spielablauf

Das Spiel läuft über zwei Epochen, welche 22 Jahre der Stadtgeschichte von Lissabon darstellen. Im Laufe des Spiels sammeln die Spieler Trümmer in der Stadt. Die erste Epoche endet, wenn der erste Spieler zwei Sets aus Wasser-, Feuer- und Erdbebenwürfel gesammelt hat. Das Spiel endet, wenn der erste Spieler vier dieser Sets gesammelt hat.

Der Spielablauf selbst ist dann gar nicht so komplex. Als Aktion spielt der aktive Spieler eine Karte, immer. Er kann diese Karte an sein eigenes Playerboard anlegen, um dadurch gewisse Boni zu triggern, Einfluss bekommen oder einen dauerhaften Vorteil zu sichern. Danach kann er mit den drei zentralen Politikern handeln oder Waren per Schiff verkaufen, wenn bereits Schiffe im Spiel sind. Dabei können eigene Schiffe genutzt werden oder die der Mitspieler, was auch schon fast die komplette Interaktion im Spiel ist.

Eine andere Möglichkeit ist es, die Karte in den Palast zu spielen, um ebenfalls die Aktionen der Adeligen zu triggern, was zwar Einfluss kostet, aber auch wertvollere Aktionen ermöglicht. Mit diesen können Gebäude in die Straßen gebaut werden, Erlasse können erworben oder öffentliche Gebäude können errichtet werden.

Also, kurz zusammengefasst. Der aktive Spieler spielt eine Karte. Diese bestimmt die Aktion, je nachdem, wo diese gespielt wird. Entweder an das eigene Tableau oder in den Palast.

Der Palast auf dem Spielplan von Lisboa

Der Palast auf dem Spielplan von Lisboa

Im Palast gibt es die drei wichtigen Personen, welche folgende Aktionen triggern:

Amtsstube von Manuel de Maia (Baumeister)

  • Beamte einsetzen, um anderen Adeligen den Zugang zu erschweren.
  • Plan erhalten, den man für das spätere Bauen von öffentlichen Gebäuden benötigt.
  • Adels-Hauptaktion: Ein Geschäft in den Straßen errichten

Amtstube des Marquis de Pombal (Premierminister)

  • Ein Schiff bauen, welches an das eigene Tableau gelegt wird, um damit Waren zu verkaufen.
  • Waren produzieren, in den eigenen Gebäuden, die man bereits in der Stadt gebaut hat.
  • Adels-Hauptaktion: Einen Erlass nehmen, welcher beim Spielende sehr viele Siegpunkte bringen kann

Amtszimmer von Joseph I. (König)

  • Audienz beim Kardinal, wodurch man die Klerusplättchen bekommen kann, die teilweise sehr wertvolle Vorteile im Spiel oder bei der Schlusswertung bekommt.
  • Gunstplättchen erhalten, womit man bei den Mitspielern in eine Amtsstube folgen kann.
  • Adels-Hauptaktion: Ein öffentliches Gebäude bauen

Nach der Aktion werden die Handkarten wieder auf fünf aufgestockt und der nächste Spieler ist an der Reihe.

Die genannten Aktionen sind jetzt aber nur eine grobe Zusammenstellung von dem, was möglich ist. Denn jede Aktion für sich beinhaltet oft noch mehrere Schritte und Regeln, die oft auch Entscheidungen beinhalten. Dazu gibt es noch die Möglichkeit, mit den Adeligen zu handeln, wo man dann zwei der Nebenaktionen von unterschiedlichen Adeligen ausführen darf, man diese dafür aber mit Waren bezahlen muss. Oder man verkauft Waren, da stellt sich dann die Frage, welche Waren, zu welchem Preis und nutzt man seine eigenen Schiffe oder die des Mitspielers.

Das Spiel endet, wenn einer der Mitspieler 4 Sets aus Trümmerteil-Arten auf dem eigenen Board gesammelt hat, oder in der zweiten Epoche drei der vier Nachziehstapel der Karten leer sind. Es erfolgt dann eine Schlusswertung, wo nochmals sehr viele Siegpunkte gesammelt werden können. Siegpunkte sind im Spiel übrigens Perücken. Wer am Ende die meisten Perücken hat, gewinnt das Spiel.

Was macht Lisboa so komplex?

Lisboa - was für eine Tischpräsenz

Lisboa – was für eine Tischpräsenz

Hat man das Spiel zum ersten Mal aufgebaut, sitzt man erst mal ehrfürchtig vor dem Spieltisch. Die Tischpräsenz ist gewaltig. Dazu die vielen Plättchen und Karten, die verschiedenen Aktionsmöglichkeiten. Wo soll man anfangen, was ergibt Sinn, welche Reihenfolge an Aktionen ist zu welchem Zeitpunkt richtig? Wir haben in der ersten Partie dann einfach drauf losgespielt, um erst einmal die Regeln zu lernen, Aktionen auszuprobieren, ein Gefühl für das Spiel zu bekommen. Das können wir auch jedem empfehlen, der Lisboa zum ersten Mal spielt. Spielt einfach drauflos, ohne Taktik oder Strategie. Eine riesige Hilfe dabei ist übrigens die Spielerhilfen, die für jeden Mitspieler vorhanden ist. In dem kleinen Heft ist alles kompakt zusammengefasst, von den Aktionen, über Symbole bis zum Spielablauf.

Den groben Ablauf und die möglichen Aktionen haben wir oben grob beschrieben. Aber die Komplexität des Spiels zu vermitteln, ist hier ein Problem, ohne einen Mehrteiler zu schreiben, der jede Regel und jede Aktion im Detail beschreibt.

Denn jede Aktion zieht einen kleinen Rattenschwanz an Regeln nach sich. Da gibt es etwa die Aktion Geschäft bauen. Dazu wählt man zuerst ein Grundstück, wo das Geschäft stehen soll. Dort wird dann ein Grundstücksplättchen hingelegt, mit dem Eingang zur passenden Farbe der Art des Geschäftes. Danach darf man einen der Trümmerwürfel, die in der Spalte und der Zeile des Grundstücks liegen, auf sein eigenes Playerboard legen. Alle danach noch ausliegenden Trümmerwürfel bestimmten dann den Preis für den Bau des Geschäftes, plus dem aktuellen allgemeinen Marktwert. Nach dem Bezahlen kann nun eines der Häuser von eigenen Tableau genommen werden. Dabei sollte aber darauf geachtet werden, welches der dort vorhandenen Häuser einem einen sinnvollen Bonus für den Rest des Spiels bringen. Und dann gibt es noch Siegpunkte, je nachdem in welcher Straße das Geschäft liegt und welche öffentlichen Gebäude in der Spalte und Zeile liegen.

Allein das Bauen eines Geschäftes wird in der Anleitung über 2,5 Seiten erklärt, wobei aber auch viel Platz für gute Beispiele draufgeht. Dazu ist das Bauen der Häuser auch noch die umfangreichste Aktion, die man durchführen kann. Die Beschreibung soll nicht abschrecken, sondern zeigen, dass jede einzelne der Aktionen eine Vielzahl von Schritten beinhaltet. Das muss einem vorab klar sein, wenn man Lisboa spielen möchte. Allerdings greift auch bei so einer umfangreichen Aktion, die überall im Spiel zu findende Logik. Bereits das dritte Haus haben wir dann ohne einen Blick in die Spielerhilfe gebaut.

Ignoriert zu Beginn kleinere Regelfragen, spielt einfach weiter. Nach der ersten Partie haben wir die Anleitung nochmals gelesen und vieles dabei erst so richtig verstanden. Dabei haben wir aber erstaunt festgestellt, dass wir nur zwei Kleinigkeiten nicht korrekt gespielt haben. Denn das Spiel ist mit ein wenig Logik nicht kompliziert, denn es ist thematisch einfach passend.

Erlasskarten-Auslage

Erlasskarten-Auslage

In der zweiten Partie haben wir beide dann schon mit einer Strategie gespielt, jeder von uns hat seine Ideen. Wir fingen da schon an zu verstehen, wie die ganzen Elemente des Spiels miteinander verzahnt sind. Allerdings muss man seine eigene Strategie im Spiel öfter mal an die Gegebenheiten anpassen. Aber so etwas lieben wir. Denn auch wenn man mal die eigene Strategie verlassen oder ändern muss, jeder Spielzug fühlt sich belohnend an und wirkliche Frustmomente sind selten.

Zusammengefasst würden wir sagen, das Spiel ist von den Regeln her schnell zu lernen. Ja, die sind sicherlich für einen Einsteiger in die Brettspielwelt am Rande der Überforderung, aber für Vielspieler sind die machbar. Komplex wird das Spiel durch die vielen verzahnten Elemente. Noch ein Beispiel: Produziere ich Waren, sinkt deren Verkaufspreis auf dem Markt, was sich Runden später negativ beim Verkauf der Waren auswirkt. Oder ich baue öffentliche Gebäude, ziehe dadurch meine Arbeiter aus dem Palast weg, was es dem Gegenspieler günstiger macht, die Adeligen zu besuchen. Hier die richtigen Entscheidungen zu treffen, die eigenen Spielzüge vielleicht einige Runden vorauszuplanen und den richtigen Zeitpunkt für eine Aktion zu finden, machen das Spiel komplex, teilweise bis zur Analyseparalyse.

Lisboa Spielplan

Lisboa Spielplan

Unser Fazit zu Lisboa

Kurzfassung: Wir lieben es.

Ok, kommen wir zur Langfassung.

Wir haben schon lange überlegt, uns ein Lacerda Spiel zu kaufen. Abgeschreckt hat uns bisher immer der Preis, die Dinger sind einfach wahnsinnig teuer. Aber, zumindest Lisboa, ist jeden Cent wert. Angefangen beim tollen Spielmaterial, was sich wirklich hochwertig anfühlt und auch noch schön aussieht. An der Optik haben schon einige rumgenörgelt, wir finden sie ansprechend und passend zum Spiel. Weiter geht es mit einem perfektem Inlay, wo das ganze Spielmaterial seinen Platz findet. Dazu eine Anleitung, die wirklich keine Fragen offenlässt und obendrauf die Spielerhilfen, die wirklich super sind.

Neben dem Preis hat uns natürlich auch die Komplexität zögern lassen. Lisboa ist bei BGG mit 4,60 von 5,00 angegeben. Also ein gutes Zeigen für drohende Hirnschmelze. Bisher war Trickerion mit 4,25 unser komplexestes Spiel im Regal. Wir müssen aber sagen, dass wir Lisboa bereits in der zweiten Partie flüssig gespielt haben und Spielspaß da war. Das hat bei Trickerion, im Vergleich, deutlich länger gedauert. Ja, wir hatten kleinere Anfälle von Analyseparalyse, diese hielten sich aber in Grenzen. Allerdings sind wir überzeugt davon, nach unseren Partien erst an der Oberfläche der Möglichkeiten des Spiels und der strategischen Tiefe gekratzt zu haben. Das motiviert zu weiteren Partien.

Lisboa hat auf jeden Fall etwas geschafft, was nur wenige Spiele mit hoher Komplexität geschafft haben. Ein beherztes „Och komm, noch eine Runde“ von uns beiden. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass eine Runde in gut 70-90 Minuten zu spielen ist.

Wir haben den Kauf von Lisboa nicht bereut und überlegen schon, uns einen weiteren Lacerda zuzulegen. Mal schauen, was da für uns infrage kommt.

Informationen zu Lisboa

Lisboa Cover
  • Autor: Vital Lacerda

  • Verlag:  Eagle-Gryphon Games – Vertrieb in D über Skellig Games

  • Veröffentlicht: 2017

  • Spielerzahl: 1 bis 4

  • Alter: ab 12 Jahre

  • Spieldauer: 60-120 Minuten

  • Kategorie: Expertenspiel

  • Mechanik: Area Majority | Hand-Management | Open Drafting | Tile Placement | Strategy | Economic

  • BGG-Wertung: 8,2 / 10
    Komplexität: 4,60 / 5

Bewertung Lisboa

Top Spiel – für die einsame Insel

Unsere Spielberichte und Bewertungen beruhen auf subjektiven Ersteindrücken der Spiele. Dabei geht es uns um die Spielidee, die Mechaniken, die Anleitung, das Material, den Wiederspielwert, die Optik, die Spielbarkeit zu zweit und wie es uns gefällt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Letzte Aktualisierung des Beitrages am: 16. August 2023

Danke für das Lesen des Beitrages.

Hinweis: Wenn wir über Spiele berichten, das sind das subjektive (Erst-)Eindrücke, die wir von dem Spiel gesammelt haben. Wir sehen uns nicht als Spielkritiker.

Übrigens: Die Texte auf diesem Blog sind selbst geschrieben und stammen nicht aus einer Text-KI. Allerdings lassen wir inzwischen einige Titelbilder von einer Bilder-KI erstellen. Ihr erkennt diese an den Zauberern, Zwergen oder anderen Wesen, die wir nicht selbst fotografieren können.

Wir freuen uns riesig über Kommentare unter dem Beitrag oder über das hemmungslose Teilen auf den Social Medias.

Herr Tommi "Herr Tommi"Beruflich in der IT unterwegs sind Brettspiele für "Herrn Tommi" die Möglichkeit, einfach mal abzuschalten. Am Abend oder am Wochenende, zusammen mit Frau Melli einfach mal eine Welt retten, einen Zoo aufbauen oder den Mars besiedeln, einen besseren Eskapismus gibt es eigentlich nicht.

Neben den Brettspielen gehören das Radfahren, das Reisen und die Fotografie zu seinen Hobbys. Mehr drüber findet Ihr im Blog www.jansens-pott.de.

Schreibe einen Kommentar